Musings

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YoW: Reich – Electric Counterpoint (Mats Bergström)

Beim “Year of Wonder”* gab es heute Minimal Music zu hören: Steve ReichElectric Counterpoint: I. Fast (gespielt von Mats Bergström)

Der erste Höreindruck ist schon ganz großartig: Diese Musik macht bei mir sofort großes Kopfkino. Ich mag ja ohnehin diese Art von Musik, wie sie etwa auch ein Michael Nyman komponiert: mit Bedacht konstruiert, aus vielen Wiederholungen und minimalen Variationen bestehend, wobei sich dann Melodielinien und Rhythmen überlagern, die Aufmerksamkeit folgt mal dieser, mal jener Linie, durch die Überlagerung entstehen Harmonien, ein Rhythmus (oder wechselnde), jede Ebene mehr macht das ganze Gebilde komplexer und spannender. Hier hat der Kopf zu tun, hier entstehen Bilder, es ist das akustische Äquivaent eines Wimmelbildes, ohne dass es irgendwie chaotisch wirkt oder zum Klangbrei verkommt. Eher ist es ein aufwändig gewobener Klangteppich, ein prächtiger großformatiger Gobelin, der tausend Geschichten erzählt. Musik zum Augenschließen und Eintauchen.
Mehr davon!

Das Stück stammt vom Album Electric Counterpoint von Mats Bergström. Bergström (* 1961) ist ein Klassischer Gitarrist aus Schweden, der auf diesem Album gemeinsam mit Jonas Östholm, Svante Henryson, Magnus Persson und Johan Liljedahl verschiedene Werke von Steve Reich spielt.

Steve Reich, 1936 in New York City geboren, gilt als einer der Pioniere der Minimal Music. Er beschäftigte sich intensiv mit Trommelmusik und begann in den 1960er Jahren mit Samples zu experimentieren, die er aneinanderreihte und dann ihre Phasen verschob. Bekannt wurde zum Beispiel sein Stück Typing Music aus dem Werk The Cave.

Das dreiteilige Werk Electric Counterpoint von 1987 besteht aus den drei Sätzen I. Fast, II. Slow und III. Fast.
Reich hat zwei Varianten des Stücks geschrieben, eine für E-Gitarre und Tonband (der Tonbandteil enthält zwei E-Bässe und bis zu zehn E-Gitarren) und eine andere für ein Gitarrenensemble.
Das Stück wurde (in der ersten Variante) erstmals 1987 von Pat Metheny aufgenommen, wobei Metheny den Tonband-Part mit Hilfe von Overdubbing selbst erstellt hat.
2007 wurde die weniger bekannte zweite Variante vom Gitarrenensemble Forestare erstmals aufgenommen (hier eine Live-Performance von 2015: Forestare interprète Electric Counterpoint).

Steve Reich war recht produktiv, und ich bin froh, einen neuen Komponisten zu haben, dessen Werk ich entdecken kann…

 


* “Year of Wonder” heißt ein Buch von Clemency Burton-Hill, in dem sie jeden Tag ein Stück klassische Musik vorstellt und zur Entstehungs- oder Wirkungsgeschichte der Stücke schreibt. Sie will klassische Musik einem breiten Publikum zugänglich machen und zeigen, wie inspirierend Musik sein kann.

Hier stellt sie ihr Buch vor: Clemency Burton-Hill über “Year of Wonder: Classical Music for Every Day”
Begleitend gibt es eine Online-Playlist der Stücke: Spotify-Playlist “Year of Wonder”

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