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YoW: Schostakowitsch – Zwei Stücke für Streichquartett – Nr. 1 Elegie aus op. 29

Heute beim “Year of Wonder”* einer meiner gern gehörten Komponisten: Dmitri Schostakowitsch: Aus den Zwei Stücken für Streichquartett die Nr. 1 Elegie aus op. 29

Schostakowitsch (1906-1975) mag ich sehr, aber ich kenne gar nicht so viel von ihm. Die Elegie in fis-moll stammt aus der Oper Lady Macbeth von Mzensk, die Schostakowitsch nach dem Libretto von Alexander Preis komponiert hatte. Hier eine schöne Aufnahme des Emerson String Quartet.

Nachdem Schostakowitschs erste Oper Die Nase (nach Gogols gleichnamiger Erzählung), eine Satire auf die russische Bürokratie, die das erste lange Schlagzeugsolo der europäischen Musik enthält, nach 16 Aufführungen von den Bühnen verschwunden war, begann der Komponist mit seiner zweiten Oper Lady Macbeth von Mzensk. Die Uraufführung des teilweise derb erotischen Werks am 22. Januar 1934 in Leningrad war ein gewaltiger Erfolg und die Oper lief zwei Jahre lang mit fast 200 Aufführungen erfolgreich in Moskau und Leningrad.

Am 16. Januar 1936 besuchte Stalin die Aufführung der Oper im Bolschoi-Theater und war alles andere als begeistert. Angeblich habe er noch während der Aufführung wortlos das Theater verlassen. Am 28. Januar brachte die Prawda einen wahrscheinlich von Stalin selbst geschriebenen Artikel „Chaos statt Musik“ über die Oper heraus, in dem das Werk als Ausdruck „linksradikaler Zügellosigkeit“ und „kleinbürgerlichen Neuerertums“ gegeißelt wurde. Alle Aufführungen wurden gestoppt, die zuvor begeisterten Kritiker leisteten öffentlich Abbitte.

Schostakowitsch schlief fortan mit dem gepackten Koffer unterm Bett, ständig in der Angst, nachts von der Geheimpolizei NKWD abgeholt zu werden. Er litt unter Depressionen und Suizidgedanken, die ihn in unregelmäßigen Abständen für Jahrzehnte begleiten sollten. Mehrfach wurde er in die berüchtigte Geheimdienstzentrale Lubjanka gebracht, zu sogenannten „Volksfeinden“ befragt und eingeschüchtert. „Das Warten auf die Exekution ist eines der Themen, die mich mein Leben lang gemartert haben, viele Seiten meiner Musik sprechen davon.“ so Schostakowitsch später.

Während die Oper in der Sowjetunion verboten war, wurde sie den USA und in den europäischen Ländern mit Ausnahme des nationalsozialistischen Deutschland weiterhin erfolgreich aufgeführt. Die deutsche Uraufführung erfolgte erst 1959 unter dem Titel Lady Macbeth auf dem Lande.

Seit 1956 arbeitete Schostakowitsch an einer entschärften Neufassung, die am 8. Januar 1963 unter dem neuen Titel Katerina Ismailowa in Moskau uraufgeführt wurde.

1979, vier Jahre nach dem Tod Schostakowitschs, brachte Mstislaw Rostropowitsch eine Abschrift der Partitur der Urfassung von 1932 in den Westen, die er in Paris auf Tonträger einspielte. Die Partitur wurde im selben Jahr mit einer deutschen Übersetzung von Jörg Morgener und Siegfried Schoenbohm unter dem Titel Lady Macbeth von Mzensk veröffentlicht. Diese Fassung wurde 1980 erstmals in deutscher Sprache in Wuppertal szenisch aufgeführt und setzte sich anschließend im westlichen Raum gegenüber der überarbeiteten Version durch. Lediglich in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion blieb weiterhin die Neufassung maßgeblich. Erst 1996 führte Waleri Gergijew am Mariinski-Theater in Sankt Petersburg beide Fassungen nebeneinander auf. Die erste Moskauer Aufführung der Urfassung erfolgte 2000 an der dortigen Helikon-Oper.

 


* “Year of Wonder” heißt ein Buch von Clemency Burton-Hill, in dem sie jeden Tag ein Stück klassische Musik vorstellt und zur Entstehungs- oder Wirkungsgeschichte der Stücke schreibt. Sie will klassische Musik einem breiten Publikum zugänglich machen und zeigen, wie inspirierend Musik sein kann.

Hier stellt sie ihr Buch vor: Clemency Burton-Hill über “Year of Wonder: Classical Music for Every Day”
Begleitend gibt es eine Online-Playlist der Stücke: Spotify-Playlist “Year of Wonder”

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