Die erste “richtige” Etappe der Wanderung entlang der Strecke des Preußischen optischen Telegrafen von Berlin nach Koblenz führt vom ehemaligen Standort der ersten Berliner Sternwarte (“Telegraphenstation 1″) in der Dorotheenstraße in Berlin-Mitte zur Dorfkirche St. Annen in Berlin-Dahlem (“Telegraphenstation 2″).
Zwischenstation: Standort der Werkstatt von Carl Philipp Heinrich Pistor
Gleich zu Beginn empfiehlt sich ein Abstecher in die Mauerstraße, wo Carl Philipp Heinrich Pistor im damaligen Haus Nr. 34 zu Beginn des 19. Jahrhunderts seine Werkstatt hatte.
Pistor (1778 – 1847) hatte mit 15 Jahren auf Wunsch seines Stiefvaters das Gymnasium verlassen und eine Stelle als Postschreiber angetreten. Seit 1795 Postsekretär nutzte er seine zahlreichen Dienstreisen, um in verschiedenen Orten die Polhöhe zu vermessen sowie persönliche Kontakte zu führenden Astronomen aufzubauen. Nach einer Versetzung nach Halle besuchte er dort Vorlesungen in Astronomie, Chemie und Physik. 1803 kehrte er nach Berlin zurück, wo er zeitweise in der mechanischen Werkstatt von Karl Theodor Nathan Mendelssohn arbeitete, dem jüngsten Sohn des Philosophen Moses Mendelssohn, der eine der ersten Werkstätten für wissenschaftliche Instrumente in Berlin betrieb und dort Sextanten, Waagen, Kreisteilmaschinen und viele andere Instrumente herstellte.
1813 reiste Pistor als preußischer Kurier nach London und besichtigte dabei mehrere bekannte mechanische und optische Werkstätten. Seine eigene Werkstatt, die er anschließend in der Mauerstraße 34 in Berlin eröffnete, errang wegen ihrer großen und hochqualitativen astronomischen und geodätischen Instrumente bald einen ausgezeichneten Ruf und belieferte Sternwarten in ganz Europa mit seinen Instrumenten. In seiner Werkstatt wurden hervorragende Experten wie z. B. der spätere Telegrafentechniker Johann Georg Halske ausgebildet.
Pistor fertigte das Urmaß des preußischen Fuß an und wurde in die preußische “Normal-Eichungskommission” berufen. Seine Werkstatt gilt als die Geburtsstätte der Berliner Feinmechanik und Optik.
1816 entstand in seiner Werkstatt in Zusammenarbeit mit Georg Christian Freund die erste in Berlin gebaute funktionstüchtige Dampfmaschine (bis 1902 in Betrieb, heute im Deutschen Museum in München ausgestellt). Im Jahr 1824 nahm Pistor seinen Gesellen Friedrich Wilhelm Schie(c)k als Werkstattleiter und Teilhaber in den Betrieb auf. Eine Preisliste der Firma Pistor & Schiek von 1829 mit 120 Positionen enthielt 4 Mikroskope und 63 astronomische und geodätische Geräte. Schiek konzentrierte sich zunehmend auf den Mikroskopbau und im Jahre 1836 trennen sich ihre Wege wieder, als Schiek sich mit einer eigenen Firma selbstständig machte.
Pistor tat sich anschließend zunächst mit Wilhelm Hirschmann Senior und später mit seinem Schwiegersohn Carl Martins zusammen. Die Firma Pistor & Martins wurde nach Pistors Tod im Jahre 1847 von Martins und Pistors Sohn Gottfried weitergeführt. Der Tod von Martins im Jahr 1871 führte zu einem raschen Niedergang der Werkstatt und Ende 1873 zur Einstellung des Betriebs.
Pistor lieferte nicht nur optische Instrumente für die Alte Berliner Sternwarte, deren Standort Startpunkt dieser Etappe ist, er gilt auch als Vater des Preußischen optischen Telegraphen. Im Dezember 1830 legte er dem preußischen Generalstab eine Denkschrift über den Entwurf zur Errichtung einer Telegrafenlinie in den Königlich Preußischen Staaten vor und formulierte darin die technische Idee und Initiative zum Bau der damals längsten Telegrafielinie Mitteleuropas.
Basierend auf den Telegrafenapparaten von William Pasley und Barnard L. Watson hatte Pistor selbst einen Apparat für die zu errichtende Telegrafielinie konstruiert. Pistor übernahm dabei das sechsarmige Prinzip des “Second Polygrammatic Telegraph” von Pasley aus dem Jahr 1810, überarbeitete die Mechanik der Konstruktion aber umfassend. Außerdem entwickelte Pistor die für den Betrieb notwendigen Fernrohre.
Mit Geheimer Kabinettsorder vom 21. Juli 1832 erteilte König Friedrich Wilhelm III. schließlich die Genehmigung zum Bau einer optischen Telegrafenlinie von Berlin bis Koblenz, was als Beginn der Telekommunikation in Deutschland angesehen werden kann. Die Bauleitung wurde dem Major im Generalstab, Franz August O’Etzel, übertragen, der auch die Codebücher der Telegrafenlinie schrieb und als “Königlich Preußischer Telegraphendirektor” schließlich den Betrieb der Anlage leitete. Pistors Berliner Werkstätte wurde als Lieferant der Stationsausrüstungen mit Signalgebern und Fernrohren ausgewählt.

Teleskop des Preußischen optischen Telegrafen aus der Werkstatt Pistors (ausgestellt im Museum für Kommunikation, Frankfurt) — Foto: © Superbass / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)
Ziel: Die “Telegraphenstation 2 – Dahlem-Kirche”
Nach Erlass der Geheimen Kabinettsorder zum Bau der Telegrafenlinie im Juli 1832 wurden bis zum November desselben Jahres bereits die ersten 14 Stationen von Berlin über Potsdam, Brandenburg an der Havel und Genthin bis Magdeburg fertiggestellt. Die Standorte der Stationen wurden von O’Etzel selbst ausgewählt. Dabei berücksichtigte er vorhandene Bauwerke wie beispielsweise den Turm der Dahlemer Dorfkirche (Station 2), oder er ließ entsprechend hohe Gebäude beziehungsweise Türme errichten.
Die Station Dahlem-Kirche (heute Dorfkirche; an der Kreuzung Königin-Luise-Straße / Pacelliallee) lag 9,8 km Luftlinie von der Alten Berliner Sternwarte entfernt.
Bei Errichtung der Telegrafenlinie Dahlem befanden sich das Dorf und Gut Dahlem mit Schmiede, Gastwirtschaft, Windmühle und einer Schäferei zusammen mit dem Vorwerk Ruhleben, dem Forsthaus Hundekehle und dem Wirtshaus Paulsborn im Besitz des Juristen und Staatsministers Carl Friedrich von Beyme, der auf dem Gut Steglitz lebte. Nach seinem Tod 1838 wurde das Dorf 1841 an den preußischen Domänenfiskus verkauft; es entstand die “Königliche Domäne Dahlem”.
Die St.-Annen-Kirche wurde um 1300 aus Feldsteinen und Ziegeln anstelle einer früheren Holzkirche auf einem kleinen Hügel errichtet; der spätgotische Choranbau und der Gruftanbau im Norden wurden Ende des 15. Jahrhunderts hinzugefügt. 1781 erhielt die Kirche einen hölzernen Dachturm, der von 1832 bis 1849 als zweite Relaisstation des Preußischen optischen Telegrafen Berlin−Koblenz diente. Über der Glockenstube wurde dazu ein quadratischer Raum geschaffen. Darüber befand sich eine offene Plattform mit einem Signalmast, der sechs Flügel in drei Paaren trug. Nachdem diese Nachrichtentechnik überholt war, wurde nach 1853 auf die ehemalige Wachstube des Bedienungspersonals eine Turmspitze aufgesetzt.

Preußischer optischer Telegraph Nr.2 in Berlin-Dahlem; Quelle: Eugen Chill: In memoriam Postrat Pistor, in: Die Sterne, Jg. 37 Heft 1 und 2, 1961 — Bild: Autor unbekannt (lt. Signatur: “Grünberg”) / Public Domain (via Wikimedia Commons)
In der Zeit des Nationalsozialismus war die St.-Annen-Kirche ein Ort der Bekennenden Kirche. Hier versammelte sich nach der Verhaftung ihres Pfarrers Martin Niemöller vom 4. Juli 1937 an die Gemeinde jeden Abend um 18 Uhr zu Fürbittgottesdiensten für alle Gefangenen. Auch die Pfarrer Franz Hildebrandt und Helmut Gollwitzer wirkten in dieser Zeit an St. Annen.
Umgeben ist die Kirche von einem Friedhof, dem St.-Annen-Kirchhof, der seit dem 13. Jahrhundert besteht. Er ist seit 1908/1909 vom tiefergelegenen städtischen Friedhof Dahlem umgeben und mit diesem über Treppen verbunden. Im Jahr 1996 wurde auf dem Friedhof ein Mahnmal des Künstlers Nikolaus Koliusis zur Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aufgestellt.
Auf dem St-Annen-Kirchhof liegen u.a. Ludwig Bartning, Carl Friedrich von Beyme, Rudi Dutschke, Otto Heinrich von der Gablentz, Helmut Gollwitzer, Bischof Kurt Scharf, Friedrich Schmidt-Ott, Walther Schmieding, Marion Yorck von Wartenburg sowie zahlreiche Theologen und Mitglieder der Bekennenden Kirche.

Berlin Dorfkirche Dahlem im April 2017 — Foto: A. Savin / Free Art License (via Wikimedia Commons)
Welchen Weg?
Doch welchen Weg soll ich von Mitte nach Dahlem wählen? Einen, der am ehesten der Luftlinie zwischen den beiden Telegrafenstationen entspricht? Oder einen, der sich an Straßen orientiert, die in den 1830er und 1840er Jahren bereits existierten und die beispielsweise ein Inspektor der Telegrafenlinie genommen hätte?
Letzteres ist natürlich nicht so einfach, denn um 1840 endete die Stadt am Brandenburger Tor, und an der heutigen Stresemannstraße verlief die Stadtmauer. Dort enden natürlich auch Stadtpläne aus der Zeit. Welche Straßen nach Dahlem könnte es damals schon gegeben haben?
Ein Reisender, der an der Mauerstraße 34 startet, wäre vermutlich der Mauerstraße nach Süden gefolgt, dann in die Leipziger Straße abgebogen und hätte die Stadt durch das Tor zwischen Leipziger und Potsdamer Platz verlassen. Er wäre dann wohl der Potsdamer Straße bis nach Steglitz gefolgt (heute Potsdamer Straße – Hauptstraße – Schloßstraße) und dort Richtung Dahlem abgebogen (heute Grunewaldstraße – Königin-Luise-Straße).
Das sind aber heute alles Hauptverkehrsstraßen und keine schöne Wanderstrecke; ich entscheide mich daher für einen Weg, der am ehesten der Luftlinie zwischen den beiden Telegrafenstationen entspricht (siehe unten). Die Entfernung per Luftlinie beträgt 9,8 km; gewandert kommt man insgesamt auf etwa 12,6 km.
Quellen:
Wikipedia: Carl Philipp Heinrich Pistor
Deutsche Biographie: Pistor, Karl (Carl) Philipp Heinrich
Wikipedia: Preußischer optischer Telegraf
Wikipedia: Liste der Stationen des preußischen optischen Telegrafen
Wikipedia: Berlin-Dahlem
Wikipedia: Dorfkirche Dahlem
Wikipedia: St.-Annen-Kirchhof
Verlauf der Etappe 1
Start: Dorotheenstraße 27; ehemaliger Standort der Telegraphenstation 1 auf der Alten Berliner Sternwarte
Ziel 1: Mauerstraße 34, Wohnhaus Carl Philipp Heinrich Pistors und Standort seiner feinmechanischen Werkstatt 1813-1847
Strecke: 850 m – Dorotheenstraße Richtung Westen – links in die Neustädtische Kirchstraße – rechts in die Behrenstraße – links in die Mauerstraße bis etwa Höhe Französische Straße
Ziel 2: St-Annen-Kirche, Berlin-Dahlem
Strecke: 11,7 km – Von der Mauerstraße zurück auf die Behrenstraße – die Ebertstraße überqueren und ein Stück durch den Tiergarten – Stauffenbergstraße –Magdeburger Platz – Genthiner Straße – an dre Kurfürstenstraße halb rechts in die Else-Lasker-Schüler-Straße – über den Nollendorfplatz zur Maaßenstraße – Winterfeldtstraße – Habsburger Straße – Luitpoldstraße – Eisenacher Straße – Hohenstaufenstraße – Martin-Luther-Straße – Speyerer Straße – Barbarossastraße – Münchener Straße – Rosenheimer Straße – schräg durch zum Bayerischen Platz – diesen überqueren, dann rechts in die Grunewaldstraße – Kufsteiner Straße – durch den Volkspark Wilmersdorf, über die Prinzregentenstraße hinweg bis zur Tübinger Straße – Tübinger Straße – links in die Bundesallee – am Bundesplatz vorbei bis zum Südwestkorso – rechts in die Wiesbadener Straße – am Rüdesheimer Platz links in die Rüdesheimer Straße – Breitenbachplatz – Schorlemerallee – Englerallee – Am Erlenbusch – Kaiser-Wilhelm-Platz – Podbielskiallee – Im Dol – Franz-Grothe-Weg – Königin-Luise-Straße – über den alten Dorfanger zur St.-Annen-Kirche
Etappe gesamt: 12,6 km
Die Wanderung entlang der Strecke des Preußischen optischen Telegrafen von Berlin nach Koblenz beginnt am ehemaligen Standort der ersten Berliner Sternwarte in der Dorotheenstraße in Berlin-Mitte.
Um dorthin zu kommen, starte ich mit einer Einstiegsetappe:
Etappe 0: Dieffenbachstraße (Berlin-Kreuzberg) – Dorotheenstraße 27 (Berlin-Mitte)
Doch wo genau befand sich die Sternwarte überhaupt? Was ist heute noch von ihr zu sehen?
Die erste Berliner Sternwarte in der Dorotheenstraße
Im Jahr 1700 stiftete Friedrich III., Kurfürst von Brandenburg, die Kurfürstlich-Brandenburgische Societät der Wissenschaften, deren erster Präsident Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) wurde.
Nach der Krönung des Kurfürsten Friedrich III. zum König Friedrich I. in Preußen nannte sich die Gesellschaft ab 1701 Königlich Preußische Sozietät der Wissenschaften. Sie hatte ihren Sitz im Marstall Unter den Linden, der für die Unterbringung der Sozietät aufgestockt und auf den doppelten Umfang nach Norden bis zur Letzten Straße, der späteren Dorotheenstraße, erweitert worden war.
Die Sozietät wurde nicht aus der Staatskasse finanziert, sondern bestritt ihren finanziellen Unterhalt selbst, u.a. durch das Monopol auf Herstellung und Verkauf der Kalender im Kurfürstentum Brandenburg. Um die Kalenderrechnung den astronomischen Gegebenheiten anpassen zu können, war eine Sternwarte nötig. Von 1700 bis 1711 wurde auf dem Nordflügel des Marstalls daher ein 27 Meter hoher Turm mit drei Geschossen als Sternwartengebäude errichtet.

Der Königliche Stall und das Observatorium, aquarellierte Zeichnung von Leopold Ludwig Müller, 1824 — Bild: Attributed to Leopold Ludwig Müller / Public domain
Die offizielle Eröffnung der Sternwarte erfolgte im Januar 1711. Die Sozietät wurde 1744 von Friedrich II. zur Königlichen Akademie der Wissenschaften reorganisiert und hatte ihren Sitz bis 1752 im Dorotheenstädtischen Marstall.
Die Sternwarte wurde lange Zeit fast ausschließlich zur Kalenderberechnung genutzt; nach und nach kamen aber auch Wissenschaftler nach Berlin, die sich intensiver mit astronomischen Fragen auseinandersetzten, etwa die Mathematiker Leonhard Euler, Joseph Louis Lagrange oder Johann Heinrich Lambert. Zu diesem Zweck wurden nach und nach hochwertige – und kostspielige – Beobachtungs- und Messinstrumente angeschafft.
Im Jahr 1811 verlor die Akademie das Kalenderprivileg und wurde künftig über den Staatshaushalt sowie durch Stiftungen finanziert.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts machte sich vor allem Alexander von Humboldt um die Ausstattung der Sternwarte verdient; seinem Einfluss beim König ist es zu verdanken, dass im Jahr 1828 neueste teure Geräte angeschafft werden konnten, darunter ein Refraktor (Linsenfernrohr) aus der Münchener Werkstatt von Joseph von Fraunhofer (heute im Deutschen Museum in München ausgestellt). Mit Humboldts Unterstützung erreichte der damalige Direktor der Sternwarte, Johann Franz Encke, beim preußischen König auch den Bau einer neuen Sternwarte am damaligen Stadtrand. Bedingung war, dass die Sternwarte an zwei Abenden in der Woche der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.
1829 erging der königliche Auftrag zur Projektierung einer neuen Sternwarte durch den Architekten Karl Friedrich Schinkel, 1830 wurde der Ankauf eines Baugrundstücks in der Nähe des Halleschen Tores für die neue Sternwarte genehmigt. Die Grundsteinlegung erfolgte 1832, und 1835 wurde das neue Observatorium an der Lindenstraße fertiggestellt.
Der Turm der alten Sternwarte an der heutigen Dorotheenstraße diente zwischen 1832 und 1849 als “Telegraphenstation 1″ der königlich-preußischen optischen Telegraphenverbindung von Berlin über Köln nach Koblenz.
1903 wurde der Komplex samt Turm abgerissen. Auf dem Areal des Dorotheenstädtischen Marstalls wurde von 1903 bis 1914 der Neubau der “Königlichen Bibliothek zu Berlin” nach Plänen des Architekten Ernst von Ihne errichtet, der zu der Zeit als größter Bibliotheksbau der Welt galt. Nach der Abschaffung der Monarchie in Preußen durch die Novemberrevolution 1918/1919 trug die Bibliothek den Namen “Preußische Staatsbibliothek” (heute “Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz”).

Berlin, Astronomisches Observatorium. Gemälde von Friedrich Wilhelm Klose (Ausschnitt – mit Signalmast der optischen Telegrafenstation) — BIld: Friedrich Wilhelm Klose / Public Domain
Der Weg zur Dorotheenstraße führt am Standort der zweiten Berliner Sternwarte vorbei
Da der Nachfolgebau nicht allzu weit von meiner Wohnung entfernt am Halleschen Tor errichtet worden war, führt mein Weg sinnvollerweise daran vorbeit:
Die Neue Berliner Sternwarte wurde 1832-1835 auf dem jetzigen Areal zwischen Encke-, Bessel- und Markgrafenstraße an der Lindenstraße nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel errichtet. Das zweistöckige Bauwerk war in Kreuzform angelegt und mit seinem längsten Arm nach Osten ausgerichtet. Am Schnittpunkt der Kreuzarme befand sich die Eisenkonstruktion einer drehbaren Kuppel mit einem Durchmesser von 7,5 Metern. Es handelte sich um die erste Sternwartenkuppel in Preußen in Form einer Halbkugel mit Spaltverschluss und Drehmechanismus. Das Fundament des eigentlichen Observatoriums war vom übrigen Gebäude unabhängig, um die Übertragung von Schwingungen zu vermeiden.
In der neuen Sternwarte wurden bedeutende astronomische Entdeckungen gemacht, etwa die Teilung des Saturnrings, die Entdeckung eines weiteren dunklen Rings beim Saturn (C-Ring) sowie mehrere bisher unbekannte Kometen. Am 23. September 1846 entdeckten Johann Gottfried Galle und der Astronomiestudent Heinrich Louis d’Arrest anhand von Positionsberechnungen des Franzosen Urbain Le Verrier den Planeten Neptun. Durch diese Entdeckung erlangte die Berliner Sternwarte weltweite Bekanntheit.

Die Neue Sternwarte in Berlin, Ölgemälde von Carl Daniel Freydanck, 1838 [Blick von Südosten] — Bild: Carl Daniel Freydanck / Public domain
1865 wurde Wilhelm Foerster (1832 – 1921) Direktor der Sternwarte. Zu dieser Zeit war das Observatorium die bedeutendste astronomische Forschungs- und Lehrstätte in Deutschland.
Am Nordflügel des Observatoriums war die Höhenbezugsfläche Normalnull für das Königreich Preußen festgelegt. Die Markierung wurde zum 82. Geburtstag von Kaiser Wilhelm I. am 22. März 1879 förmlich übergeben. Dieser “Normalhöhenpunkt 1879″ wurde vom Amsterdamer Pegel abgeleitet und markierte 37 Meter über Null.
1889 wurde die Königliche Sternwarte der Akademie der Wissenschaften getrennt und der Friedrich-Wilhelm-Universität angeschlossen. Die Berliner Universität hatte bereits seit ihrer Gründung im Jahr 1809 die Sternwarte der Akademie mitbenutzt.
Ende des 19. Jahrhunderts führte das rasante Wachstum der Stadt Berlin dazu, dass die einst am Stadtrand errichtete Sternwarte inzwischen völlig umbaut war und damit eine den Ansprüchen der Forschung genügende Beobachtungstätigkeit kaum mehr möglich war. Mitte der 1890er Jahre schlug daher unter anderem Wilhelm Foerster den Neubau einer Sternwarte außerhalb des Ballungsraumes vor. Nach Probebeobachtungen im Umland ab Juni 1906 fiel die Entscheidung des Kultusministeriums zugunsten des vorgeschlagenen Standorts im Schlosspark Babelsberg bei Potsdam. Hier wurde von 1911 bis 1913 nach einem Entwurf von Thür und Brüstlein das Hauptgebäude der neuen Sternwarte errichtet.
Das Gebäude in der Lindenstraße wurde nach dem Umzug geräumt und im August 1913 abgerissen. Der Verkauf des Grundstücks deckte die Kosten der Errichtung der neuen Sternwarte in Babelsberg und der Anschaffung neuer Instrumente. Nach dem Abbruch der Gebäude wurde das geräumte Gelände an der Lindenstraße teilweise für den Bau einer neuen Straße genutzt, die ab 1927 Enckestraße hieß. Entlang der Straße neu geschnittene Grundstücke wurden bebaut, unter anderem mit dem Blumengroßmarkt Kreuzberg (1922).
Im Jahr 2012 wurde zum 100. Geburtstag des Deutschen Haupthöhennetzes am exakten Ort des Normalhöhenpunktes von 1879 eine Gedenkstele enthüllt.
Quelle:
Wikipedia: Berliner Sternwarte (abgerufen am 5.8.2020)
Verlauf der Etappe 0
Start: Dieffenbachstraße
Ziel 1: Stele am Standort der Sternwarte zur Erinnerung an den früher hier an der Nordseite des Gebäudes befindlichen Preußischen Normal-Höhenpunkt 1879
Strecke: 2,6 km – Dieffenbachstraße – am Landwehrkanal entlang bis zur Zossener Brücke – rechts in die Zossener Straße – Lindenstraße – links auf den Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz (ehem. Blumengroßmarkthalle, heute W. Michael Blumenthal Akademie des Jüdischen Museums Berlin)
Ziel 2: Dorotheenstraße 27, Standort der ersten Berliner Sternwarte
Strecke: 1,8 km – Enckestraße – Charlottenstraße – rechts in die Dorotheenstraße
Etappe gesamt: 4,4 km
Sie werden kommen, die Stimmen: “Wie alt war sie denn? 95?! Na, das ist aber ein gesegnetes Alter!”
Darin schwingt mit: “Na, dann wird es aber doch mal Zeit! Was stellst Du Dich an? War doch zu erwarten, dass sie bald stirbt. Was soll’s. Hat doch lange genug gelebt. Viel schlimmer ist es doch, wenn junge Menschen sterben. Meine Tante zum Beispiel…”
Ich werde versuchen, diesen Stimmen nicht zuzuhören. Und ich werde dem Mann raten, dasselbe zu tun.
Denn es ist immer schlimm, wenn jemand stirbt, den man lieb gehabt hat. Egal, wie alt der war. Egal, ob damit zu rechnen war. Egal, ob derjenige sein Leben gelebt hat.
Schließlich hat jeder, der stirbt “sein” Leben gelebt. Wessen denn sonst?
Hilde hat ihres gelebt. Mit allen Höhen und Tiefen.
Mit ihren zwei jüngeren Geschwistern, der geliebten Schwester, mit der sie zeitlebens durch dick und dünn gegangen ist und auf die sie aufgepasst hat, damals im Krieg, und auch später. Und dem Bruder, der schon als Kind immer “in Schwierigkeiten” kam. Nichts Schlimmes, aber er hat eben oft Ärger bekommen. Weil er nicht den Mund gehalten hat. Weil er stur war. Seinen eigenen Kopf hatte.
Aber den hatte Hilde auch, ihren eigenen Kopf. Musste sie auch, als ältestes von drei Geschwistern und nach dem frühen Tod des Vaters, der ein Geschäft hatte, in Xanten, nach dem 1. Weltkrieg. Ein Kolonialwarenladen war es, und die kleine Hilde war fasziniert von all den Köstlichkeiten, mit denen ihre Familie ganz selbstverständlich zu tun hatte und die für andere Kinder märchenhaft erscheinen mussten.
Zeitlebens schwärmte sie von den frischen Früchten und von den besonderen (und teuren) Zigaretten, die der Vater rauchte, trotz seiner Lungenkrankheit.
Vorübergehend zu einer Tante nach Brühl verfrachtet, ziehen Hilde und die Schwester schließlich mit der Mutter nach Koblenz. Die Mädchen machen eine Lehre, und Hilde bekommt eine Stellung “im Amt” als Sekretärin. Das bringt Vorteile. Lebensmittelzuteilungen, Sonderrationen, später den Platz im Luftschutzkeller.
Dann der Krieg. Ausgebombt, umgesiedelt, später die Rückkehr ins zerstörte Koblenz, der Neuanfang. Und immer war sie diejenige, die gestohlen und gehandelt und getrickst hat, um die Mutter und Schwester durch die schwere Zeit zu bringen. Sie war nicht zimperlich, durfte es auch nicht sein. “Die wären ohne mich verhungert”, sollte sie später oft sagen, und vermutlich hat sie Recht damit.
Aber sie hat auch immer das Leben in vollen Zügen genossen. War vor dem Krieg jedes Wochenende tanzen mit ihrer Schwester, mit Freundinnen und Kolleginnen.
Auch nach dem Krieg ging sie gerne aus. Tanzen vor allem. Auch wenn kein Geld da war, sich Getränke zu kaufen und man mehrere Kilometer nach Hause laufen musste, weil kein Bus mehr fuhr.
Egal. Spaß haben! Das Leben genießen!
Und sie fiel auf. Klein und zierlich, dabei sprühend vor Lebenslust und mit einem frechen Mundwerk gesegnet, hatte sie keine Probleme, Tanzpartner und Verehrer zu finden.
Mit einem von ihnen, mit Rudi, war es besonders. Beim Tanzen hatte sie ihn kennengelernt, wo sonst. Sie mit ihrer Schwester und Rudi mit seinem Kumpel. Sie gefielen sich, Hilde und Rudi, und so gingen sie fortan zusammen aus, unternahmen Ausflüge auf Rudis Motorrad, den Rhein entlang und die Mosel.
Rudi hatte selbst eine schwere Zeit hinter sich. Er war in Kriegsgefangenschaft in Russland, und kam erst sehr spät zurück nach Deutschland. Aber in seine Heimatstadt Stettin konnte er nicht zurückkehren, stattdessen ging er zu seinen Eltern, die nach vielen Wirren in einem kleinen Ort an der Mosel gelandet waren, nicht weit von Koblenz.
So hatten sie sich also gefunden, zwei junge Leute, die den Krieg vergessen wollten, die das Leben genießen und vorwärtsschauen wollten.
Sie heirateten, die Tochter wurde geboren, und sie lebten in einer kleinen Wohnung, eher einem Zimmer, und waren glücklich.
Rudi arbeitete als Vertreter für Papierwaren. Schreibpapier, Einwickelpapier, die Brötchentüten beim Bäcker – er versorgte Geschäfte, Hotels und Betriebe mit allem, was sie brauchten.
Manchmal fuhr Hilde mit, manchmal musste sie ihn auch vertreten, wenn er krank war. Ausfallzeiten gab es nicht, dann hätte sich jemand anderes den Kunden geschnappt, denn die Konkurrenz war hart. Alle mussten sehen, wie sie Geld verdienen.
Aber Hilde hatte Geschäftssinn, das hatte sie ihm Krieg bewiesen. Und sie konnte auf Menschen zugehen, selbst wenn sie sich noch im hohen Alter über den “unverständlichen” Dialekt mancher Alteingesessener in Eifel oder Hunsrück mokierte.
Schließlich konnten sie in der Innenstadt von Koblenz ein kleines Schreibwarengeschäft übernehmen. Die Anzahlung für ein neu errichtetes Reihenendhaus in einem Koblenzer Vorort leisten und das Motorrad durch einen VW Käfer ersetzen. Es ging bergauf.
Als der Sohn geboren wird, ist Hilde bereits 40 Jahre alt, beinahe 41. Sie freuen sich über den Nachzügler, den “Stammhalter”, aber Hilde bekommt gesundheitliche Probleme und muss lange nach der Geburt im Krankenhaus bleiben.
So verbringt der Kleine sein erstes Lebensjahr bei Hildes Schwester und deren Familie. Noch sehr lange in seinem Leben werden Onkel und Tante wichtige Bezugspersonen des Jungen bleiben, und zeitlebens verbindet ihn eine enge Freundschaft mit Cousin und Cousine, ein “Nachzügler” wie er selbst.
Als Hilde aus dem Krankenhaus kommt, wird das neue Häuschen bezogen, kurz vor Weihnachten im Jahr 1960.
Genau 53 Jahre wird Hilde in diesem Haus verbringen, es ist ihr ganzer Stolz. Bis zuletzt ist sie stolz darauf “alles in Ordnung” zu halten, jeden Tag die Treppen hoch und runter, die Wäsche selbst zu machen und das Haus sauber zu halten. Nur für die schweren Arbeiten nimmt sie sich irgendwann eine Putzhilfe, für das Fensterputzen und Staubsaugen und Bettenbeziehen. Aber noch mit 94 geht sie jeden Tag durchs Haus und wischt Staub, wäscht ihre Wäsche und spült das Geschirr.
Rudi ist glücklich, er hat erreicht, was er wollte: eine Arbeit, eine Familie mit Sohn und Tochter, ein Haus mit Garten, ein Auto.
Hilde ist nicht ganz so zufrieden, ihr ist das Leben hier zu ruhig. Es ist “nichts los”, die Dörfler sind ihr zu “primitiv”, das Dasein als Hausfrau und Mutter ist ihr zu langweilig.
Dann wird Rudi krank. Krebs. Krankenhausaufenthalte, eine langwierige und schmerzhafte Behandlung, schließlich der Tod.
Hilde bleibt zurück, fast 50 Jahre alt, das Haus nicht abbezahlt, zwei Kinder.
Sie geht wieder arbeiten, die Tochter muss eine Lehre machen, bei der Bank, der Junge wird tagsüber von der Großmutter betreut, die in die Nähe gezogen ist.
Es ist eine harte Zeit für alle drei, aber Hilde beißt sich durch, wie sie es immer getan hat.
Sie wird hart dabei, ihr Dickkopf entwickelt sich zu einer teilweise unnachgiebigen Sturheit, sie wird rechthaberisch. Unbewältigte Trauer, Druck, Angst, Verzweiflung, Depression. Ihre Art, mit den Dingen fertig zu werden. Sie muss ja. Darunter leidet vor allem der Sohn, obwohl er die Zeit bei seiner Oma auch genießt. Aber er bleibt allein. Allein mit der Trauer um den Vater, allein mit den Bedürfnissen eines kleinen Jungen, für den jetzt niemand mehr Zeit oder Verständnis hat.
Hilde wird das später sehr bedauern, weiß, dass sie ihren Kindern, vor allem dem Jungen viel zugemutet hat. Aber zu dieser Zeit muss sie funktionieren und weiß doch selber nicht, wohin mit ihrer Trauer.
Aber die Arbeit im Büro gefällt ihr auch. Sie hat wieder Kontakt zu Menschen, kommt aus dem “Dorf” heraus, wird von ihrem Chef geschätzt. Es tut ihr gut, die Anerkennung für ihre Arbeit, die Wertschätzung als Mensch, als Frau.
Als sie den Mann kennenlernt, der lange in Argentinien gelebt hat, muss ihr das wie ein zweiter Frühling vorgekommen sein. Endlich wieder leben, Spaß haben, ausgehen, reisen! Und was für Reisen! Die Tochter des Mannes ist Reiseleiterin und so besuchen sie gemeinsam u.a. Spanien und Guatemala.
Aber das Glück ist getrübt. Der Sohn des Mannes ist depressiv und unternimmt mehrere Selbstmordversuche. Hilde und der Mann gehen immer öfter feiern, trinken viel, dann kommt es zu Streit und Auseinandersetzungen. Schließlich erkrankt der Mann an Krebs, stirbt. Und Hilde ist wieder allein.
Die Kinder sind aus dem Haus. Die Tochter hat geheiratet und ist weggezogen, der Sohn macht eine Lehre und geht schließlich nach Berlin, nachdem seine Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen nicht anerkannt wird. Zivildienst gibt es da noch nicht. Sein Verhältnis zur Mutter ist schlecht in dieser Zeit, zu viel ist geschehen, und sie werden Jahre brauchen, sich wieder anzunähern.
Hilde arbeitet bis zur Rente. Das Haus ist irgendwann abbezahlt, sie hat keine großen materiellen Bedürfnisse, alles Geld geht ins Haus, aber sie kommt mit ihrer Rente gut hin. Der Obst- und Gemüsegarten früherer Jahre weicht einem Ziergarten, sie hat sich eingelebt im “Dorf”, auch wenn es ihr manchmal zu ruhig ist. Auch verreisen tut sie noch gerne, besucht die Familie der Tochter im Taunus und später in Bayern, den Sohn in Berlin, verreist mit den Kindern und Enkeln nach Belgien, nach Frankreich, nach Italien.
Auch Busreisen unternimmt sie, und dabei lernt sie die letzte Liebe ihres Lebens kennen, einen Witwer aus einem Nachbarort von Koblenz. Er stammt aus dem Hunsrück und gemeinsam unternehmen sie viele Ausflüge in die Umgebung von Koblenz, in die Eifel, den Hunsrück, den Taunus, ins Rhein- und Moseltal.
Er liebt die Natur, sie möchte dorthin, wo “etwas los ist”, wo es “etwas zu sehen” gibt. Einsame Wälder, weite Felder sind ihr ein Gräuel. Wie langweilig!
Manchmal setzt er sich durch, und sie machen ein Picknick an irgendeinem schönen Fleckchen, meist “gewinnt” sie, und sie spazieren eine Rheinpromenade entlang oder essen in einem kleinen Hotel an der Mosel zu Mittag.
Er zieht zu ihr, womit seine Kinder zunächst ein Problem haben, aber das kümmert die beiden nicht, es ist schließlich ihr Leben.
Für ihn ist es ein Glück, denn Hilde kümmert sich gut um ihn, als er schließlich an Alzheimer erkrankt und immer mehr Pflege braucht.
Als er stirbt, schmerzen die gehässigen, neidischen Worte einer Nachbarin sie sehr: “Na, Sie haben ja einen Verschleiß an Männern…!” Keine Frage, dass sie das der Frau noch Jahre später nicht verzeiht.
Es wird einsam um Hilde. Die Schwester stirbt, der Schwager, eine ehemalige Kollegin und Freundin, dann der Bruder und zuletzt die Jugendfreundin, ebenfalls eine Hilde. Das ist der Fluch, wenn man so alt wird, dass alle vor einem sterben und man allein zurückbleibt.
Die Nachbarinnen sterben oder kommen ins Pflegeheim, junge Familien ziehen ein, mit denen stellt sich Hilde zwar gut, aber die leben ihr eigenes Leben.
Eine Frau, die 10 Jahre jünger ist als Hilde zieht von Trier hierher in die Nähe ihrer Tochter, mit ihr freundet sich Hilde etwas an. Sie treffen sich nachmittags bei Hilde, trinken “ein Piccolöchen” zusammen, schauen fern, tauschen Klatsch und Tratsch aus. Auch mit dem anderen Nachbarn, dem Feuerwehrmann und seiner Frau hält Hilde gern mal ein Schwätzchen. Sie haben ein Auge auf sie, kümmern sich um das Haus, wenn Hilde die Tochter besucht oder mit ihr und dem Schwiegersohn in Urlaub fährt.
Nach wie vor ist es Hilde zu langweilig im “Dorf”, sie wünscht sich, es wäre mehr “los” in ihrem Leben. Sie genießt es zwar, im Sommer in ihrem Garten zu sitzen, entweder hinten auf der Terrasse oder an ihrem Sitzplatz vor dem Haus, aber sie freut sich immer, wenn jemand mit ihr mit dem Auto in die Stadt fährt oder einen Ausflug unternimmt.
Und die Reisen mit der Tochter und dem Schwiegersohn! Nach Italien, nach Korsika, nach Kroatien, nach Österreich. In die Sonne, in den Süden, in schöne Hotels. Das ist ihre Welt. das Leben genießen!
Und sie genießt das Leben, auch wenn sie krank ist. Der hohe Blutdruck, Herzrhythmusstörungen, Schmerzen im Knie, im hohen Alter ein gebrochenes Handgelenk, der Nierenstein, die OP mit über 90 Jahren. Sie beißt sich durch. Schluckt ihre Unmengen von Tabletten, misst brav jeden Tag den Blutdruck, geht regelmäßig zum Arzt zum Quick-Test, benutzt einen Rollator als die Schmerzen beim Gehen immer schlimmer werden, schluckt Antibiotika, wenn der chronische Harnwegsinfekt wieder unerträglich wird, erträgt die Nebenwirkungen, wenn sich neue Mittel nicht mit ihren Herzmedikamenten vertragen, verzichtet schließlich sogar auf ihren geliebten Wacholder und die Sektchen, weil sich der Alkohol mit bestimmten Medikamenten nicht verträgt.
Aber sie jammert nicht, sondern macht das Beste daraus. Schleppt den Rollator zu allen Ausflügen mit, um wenigstens mal wieder ein paar Meter am Rhein entlang zu gehen. Fährt zur Nierenstein-OP nach Bayern als die Ärzte im Koblenzer Krankenhaus sie wegen ihres Alters nicht durchführen wollen. Entscheidet sich über Ostern noch zur Dialyse, die ihr zeitlebens ein Horror war, nachdem sie bei der Schwägerin beobachtet hatte, wie schlecht es einem damit gehen kann.
Sie ist ein Kämpfer. War sie immer. Musste sie ja sein. Hilft ja nichts. Aufgeben? Kommt nicht in Frage.
Noch Anfang des Jahres bescheinigt ihr ein Arzt, “im Prinzip” könne sie 100 Jahre alt werden. Sicher hat er ihr da eher geschmeichelt, denn ihr ging es schon sehr schlecht, aber ich glaube, das wäre sie gerne geworden. Hundert. Allein um sagen zu können “Kannst Du Dir das vorstellen? Hundert Jahre! Du lieber Gott, wer hätte das gedacht…!” Halb entsetzt, halb stolz hätte sie das gesagt. Aber der Stolz hätte bei weitem überwogen.
Und wer wollte es ihr verdenken? Man hat doch nur das eine Leben!
Und die, die denken, 95 Jahre seien genug, die haben doch keine Ahnung!
Mach’s gut Hilde, ich werde Dich sehr vermissen.

Hilde im Mai 2013 in ihrem Garten | 23.12.1918 – 26.4.2014