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I Remember: Ruhala Kutas

Anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar 2019 hat die Gedenkstätte Yad Vashem eine schöne Aktion ins Leben gerufen, die “IRemember Wall“. Nach Eingabe seines Namens wird einem nach dem Zufallsprinzip der Name eines Holocaust-Opfers aus der Yad Vashem-Datenbank zugeordnet, dessen man gedenken kann.

Ich gedenke hiermit

Ruhala Kutas

Ruhala Kutas wurde als Tochter von Yakov und Rojza (geborene Hecht) in Stryków in Polen geboren.
Zuletzt wurde sie 1941 gesehen.
Sie war noch ein Kind und wurde in der Shoah ermordet.

Von Ruhala wissen wir, weil Sender Balberman, der spätere Mann ihrer Schwester Szajndel ein Überlebender der Shoah, in Yad Vashem Gedenkblätter für sie und ihre Familie eingereicht hat.

Ruhala, Dein Name soll nie vergessen sein.

Foto von Ruhala Kutas, Opfer der Shoah, Yad Vashem

Ruhala Kutas, 1939

 

In der Datenbank von Yad Vashem kann man nach Holocaust-Opfern suchen.

Folgendes können wir aus den Gedenkblättern in Yad Vashem über Ruhalas Familie erfahren:

Ihr Vater, Yakov Shlomo Kutas stammte aus Stryków und war Schneider, ihre Mutter Rojza, geborene Hecht, stammte ebenfalls aus Stryków und führte einen Laden.
Sie hatten sieben Kinder: Die Töchter Hana, Szajndel Malka, Masha und Ruhala, und die Söhne Abraham Yitzhak, Gershon und Shaiya.
Sohn Abraham Yitzhak ist 1914 oder 1915 in Stryków geboren und war Soldat.
Tochter Hana war bei der Deportation der Familie 1941 bereits verheiratet.
Sohn Shaiya wurde vermutlich um 1933 geboren.

Die gesamte Familie wurde vermutlich im Dezember 1940 deportiert und später ermordet.

Nur eine Tochter überlebte: Ruhalas ältere Schwester Szajndel Kutas, geboren 1918.

Szajndel beschrieb 1978 für einen Zeitungsartikel ihren Leidensweg: Nach der deutschen Besetzung sollte Stryków, eine kleine Stadt nahe Łódź, “judenrein” gemacht werden. Zwei Tage vor Weihnachten (höchstwahrscheinlich 1940) wurde Familie Kutas Richtung Polen vertrieben. Sie bettelten um Essen und umwickelten die Füße mit Zeitungspapier gegen die Kälte. Sie gelangten ins Ghetto von Głowno und schließlich ins Warschauer Ghetto. Mit ihrer Schwester Masha und ihrem Bruder Gershon ging Szajndel zur Arbeit aufs Feld. Sie erkrankte an Typhus, und in dem Krankenhaus, in das sie gebracht wurde, wurden alle, inklusive der Krankenschwestern, erschossen. Szajndel überlebte und kehrte zurück zur Feldarbeit: Wer arbeiten konnte, hatte eine Chance zu überleben. Eines Tages wurde Szajndel mit tausenden anderen Juden in Viehwaggons verladen. Jemand sagte “Kämpf!” und sie wühlte sich aus einem Berg nackter Körper heraus, um atmen zu können. Von den 80 Menschen in ihrem Waggon überlebten nur drei. Der Zug ging nach Majdanek. Darauf folgten zwei Jahre in Block 25 in Auschwitz-Birkenau. Im Januar 1945 kam sie nach Ravensbrück; die Frauen und Kinder der Transporte, mit denen Auschwitz geräumt wurde, mussten bei strengstem Frost weite Strecken zu Fuß zurücklegen (sog. Todesmärsche). Hier erlebte Szajndel die Befreiung durch die Rote Armee. Von ihren Eltern und sechs Geschwistern kam niemand zurück.

Zeitungsartikel "One Family's Holocaust", Federation News, September 1978

 

Szajndel heiratete später Sender Balberman, der ebenfalls aus Stryków stammte, jedoch vor den Nazis nach Russland geflohen und dort in einem Arbeitslager interniert war. Beide sind in Ontario, Kanada begraben. Szajndel starb 2005.
Sender Balberman besuchte 1996 Polen. Davon gibt es zwei Videos:  Sender Balberman, Nathan Szafran in Poland 1996 und Strykow with Nathan Szafran, Sender and Sheldon Balberman

Stryków (1943–1945 Strickau) ist eine Kleinstadt 15km nordöstlich von Łódź in Polen. Sie hat heute etwa 3.500 Einwohner. Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten im Ort etwa 5.000 Menschen, von denen etwa 2.000 Juden waren (40 Prozent). Etwa 45 Prozent der Einwohner verloren im Krieg ihr Leben, unter ihnen fast alle Juden.

Die Region um Łódź war Ende 1939 dem sog. “Reichsgau Wartheland” (“Warthegau”) zugeordnet worden – ursprünglich polnisches Gebiet, das im Polenfeldzug (seit 1.9.1939) annektiert worden war.
In diesem Teil des Warthelandes, das auch vor 1919 nicht zum deutschen Staatsgebiet gehört hatte, gab es lediglich einige kleinere deutschsprachige Siedlungen sowie eine deutsche Minderheit im Raum Łódź. Insgesamt stellten Deutsche oder sich als Deutsche verstehende Polen im Jahr 1939 in diesem Gebiet nicht mehr als drei Prozent der Gesamtbevölkerung. Ziel der NS-Politik im Wartheland war es, dieses Gebiet so schnell wie möglich zu “germanisieren”. Dies geschah vor allem durch Neuansiedlung von Deutschen (sog. “Umsiedler”) und durch eine harte Assimilationspolitik mittels der sogenannten „Deutschen Volksliste“, wonach vor allem Deutschstämmige oder „zur Eindeutschung fähige“ oder “nach Umerziehung zur Eindeutschung fähige” Menschen Deutsche werden sollten. “Nicht Eindeutschungsfähige”, das waren vor allem Menschen, die aus “rassischen” Gründen nicht Deutsche werden konnten, also in erster Linie Juden, aber auch Sinti und Roma, wurden von der SS ins Generalgouvernement (von den Deutschen besetzte ehemals polnische Gebiete um Warschau, Lublin und Krakau) deportiert.

Erste Deportationen aus dem Wartheland wurden bereits Ende 1939 durchgeführt. Sie umfassten vor allem so genannte “ethnische Polen” und Juden. Bis März 1941 wurden mindestens 280.606 Menschen ins Generalgouvernement deportiert; manche Historiker gehen von noch höheren Zahlen aus.
Die Deportationen erfolgten unter der Aufsicht des “Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS” (SD) und mit der Unterstützung von Gendarmerie, Schutzpolizei, Volksdeutschem Selbstschutz sowie SA- und SS-Einheiten. Die Deportierten kamen zunächst in speziell eingerichtete Übergangslager oder wurden in Ghettos zusammengefasst. Die Existenzbedingungen in diesen Lagern waren schlecht – die Internierten litten häufig unter Hunger, Kälte, Krankheiten und schlechten sanitären Verhältnissen. Von den Durchgangslagern aus wurden die Menschen weiter in andere Lager oder Ghettos im Generalgouvernement Polen transportiert. Dies geschah zumeist mit Güterwaggons. Diese Transportkette endete für viele polnische Juden in den deutschen Vernichtungslagern. Widerstand gegen die Deportationen wurde mit Waffengewalt gebrochen.

Nach Angaben der Tochter Shayndl wurde die Familie Kutas im Dezember 1940 aus Stryków deportiert. Da die Angaben in den Gedenkblättern durchgehend besagen, man habe die übrigen Familienmitglieder “1941 zuletzt gesehen”, dürfte dies die Zeit sein, als Shayndl von der Familie getrennt wurde, vielleicht weil sie an Typhus erkrankte oder weil sie nach Majdanek deportiert wurde.

Da viele Unterlagen vernichtet wurden, ist nicht bekannt, wo Ruhala gestorben ist und ob sie am Ende allein war oder bei ihrer Familie.

תנוח בשלום

 

Tag der urbanen Schönheit

Herr Ackerbau ruft den Tag der urbanen Schönheit aus.
Thema sind “Brücken”, und da findet sich doch was im Archiv:

Lange Brücke, Rathenow – So stellt man sich den Zugang zu einer Bundesgartenschau vor, oder?

 

Liebknechtbrücke, Berlin – Geschütztes Plätzchen in der feindlichen Großstadt

 

Landwehrkanal, Berlin – Brücke für urbanes Abwasser

 

Trasa Zamkowa im. Piotra Zaremby, Szczecin – einfach nur schön.

 

Józef Czapski und die “Kultura” – ein Filmabend

Gestern war ich mit dem Mann auf Einladung von Lore Ditzen bei der Aufführung ihres Films “Das Zeugnis des Joseph Czapski” (1981) im Dokumentationszentrum Berliner Mauer in der Brunnenstraße.

Der Abend stand unter dem Motto “Eine Legende: die polnische Exilzeitschrift Kultura und ihr Kreis”, und nach dem Film gab es eine sehr interessante und kenntnisreiche Einführung in die Geschichte und Arbeitsbedingungen der “Kultura” von Basil Kerski, Journalist, Politikwissenschaftler und Chefredakteur des deutsch-polnischen Magazins DIALOG.

Józef Czapski (1896-1993) stammte aus der österreichisch-polnischen Adelsfamilie Hutten-Czapski und war Maler, Schriftsteller und Offizier der Polnischen Armee im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Er war 1941 damit beauftragt worden, das Schicksal polnischer Offiziere aufzudecken, die in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern verschwunden waren, und stieß dabei auf die Spuren des Massakers von Katyn.

Mit den Resten der Polnischen Armee gelangte er 1942 über Turkestan, Iran, Irak, Palästina und Ägypten nach Italien und ließ sich 1945 in Paris nieder, wo er ab 1947 an der von Jerzy Giedroyc gegründeten Exilzeitschrift “Kultura” mitarbeitete.

Giedroyc veröffentlichte in seinem Verlag “Instytut Literacki” (“Literarisches Institut”) neben der “Kultura” bedeutende Werke der polnischen Gegenwartsliteratur und bot vielen Autoren erstmalig die Möglichkeit der Veröffentlichung ihrer Werke, die in Polen nicht möglich war, darunter CzesÅ‚aw MiÅ‚osz, Witold Gombrowicz, Marek HÅ‚asko, Andrzej Bobkowski oder Jerzy Stempowski.

Giedroyc und die “Kultura” nahmen direkt und indirekt Einfluss auf die sich herausbildende demokratische Opposition in Polen und seinen Nachbarländern:

Das Ideal des Kreises um Jerzy Giedroyc war ein unabhängiges, demokratisches Polen, das Demokratie und Unabhängigkeit auch für seine östlichen Nachbarn – die Ukraine, Weißrußland und die baltischen Staaten – voraussetzte. Die „Kultura” erstrebte für die mitteleuropäischen Länder und ihre östlichen Nachbarn eine freiheitliche Zukunft in Europa jenseits von Kommunismus und Nationalismus – zu einer Zeit, als dies völlig unrealisierbar schien.
(aus der Einladung zur Veranstaltung)

Mit dem Tod Giedroycs im Jahre 2000 stellte auch die “Kultura” ihr Erscheinen ein. Sein Verlag besteht noch und gibt weiterhin Bücher und die “Zeszyty Historyczne” (“Historische Hefte”) heraus.

1981 besuchte die Berliner Publizistin Lore Ditzen, damals Kulturredakteurin beim SFB, Józef Czapski in Paris und drehte ein eindringliches Porträt dieses großartigen Künstlers, Pazifisten und Menschen.

Leider ist die Arbeit der “Kultura” wie die Werke vieler polnischer Autoren in Deutschland nach wie vor selbst bei Literaturinteressierten relativ unbekannt, selbst in der deutschsprachigen Wikipedia fehlen Beiträge zu Czapski, Giedroyc und anderen.
In Anbetracht der Tatsache, dass es sowohl englische wie polnische Beiträge gibt, mache ich mich vielleicht an eine Übersetzung – damit diese Leistung nicht vergessen wird.