…”Notizen zum Stand der Dinge” von Andrzej Szczypiorski (1924-2000).
Am 13.12.1981 wurde in Polen der Kriegszustand ausgerufen und der Schriftsteller Andrzej Szczypiorski zusammen mit vielen anderen Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern verhaftet. Er blieb 3 Monate interniert, erhielt ein jahrelanges Publikationsverbot und hatte lange keine Möglichkeit, am öffentlichen Leben teilzunehmen.
In dieser Zeit verfasste er die vorliegenden Notizen, von denen ein Teil im Herbst 1983 in London publiziert wurde, ein zweiter Band in einem Warschauer Untergrundverlag im Frühjahr 1987.
In diesen Texten schildert er neben äußeren Erlebnissen - Verhaftung, Internierung, Begegnungen mit Menschen nach der Freilassung - vor allem seine innere Landschaft, Gedanken und Gefühle zur Zeit, die Einordnung der Ereignisse in den historischen Kontext:
“Es handelte sich nicht um systematische Notizen, sondern ganz einfach um Bemerkungen zur laufenden Situation, unvollendete Gedanken, Beschreibungen von Gefühlen. In diesem Sinn sind es die persönlichsten Texte, die ich je im Leben geschrieben habe. Sie illustrieren meine Bedenken, Beunruhigungen und inneren Wandlungen. Objektiv sind sie nicht, aber die Literatur muss keineswegs objektiv sein.”
(Andrzej Szczypiorski: Notizen zum Stand der Dinge, Vorwort zur deutschen Ausgabe, 1990)
Ich lese das Buch im Anschluss an seinen Erzählungsband “Amerikanischer Whiskey”, in dem er in zwölf Erzählungen die Geschichte Polens vom Ersten Weltkrieg bis zum Kriegszustand 1981/1982 Revue passieren lässt. Da er auch in den “Notizen” immer wieder Bezug auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs und danach nimmt, ist diese Lesereihenfolge günstig.
Ich schätze Szczypiorski (Verfasser von u.a. “Die schöne Frau Seidenmann”, “Eine Messe für die Stadt Arras”) für seine klare, schnörkellose Sprache, seinen Humor und seine deutliche Position zu politischen und moralischen Fragen des Zeitgeschehens. Ein wahrer Europäer.
Andrzej Szczypiorski
Notizen zum Stand der Dinge
Zürich: Diogenes Verlag 1990