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Erlebnisse, Gedanken und Fundstücke

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Neujahrsgrüße 1943

Anfang Januar 1943 trifft in einem kleinen Dorf in Westpreußen, etwa 60 km westlich von Bromberg, dem heutigen Bydgoszcz, gelegen, ein Brief aus Berlin ein.

Der Brief ist an eine junge Krankenschwester gerichtet, die im kleinen Dörfchen Luchowo, das seit einem halben Jahr “Buchen” heißt, in der dortigen Volksschule lebt und arbeitet. In der Schule ist ein sogenanntes “K.L.V.-Lager” eingerichtet, ein Lager der Kinderlandverschickung. Hier werden Kinder aus bombengefährdeten Gebieten des Deutschen Reichs fern von ihren Familien betreut. Die junge Krankenschwester ist für die medizinische Versorgung der Kinder zuständig; sie verabreicht Impfungen, verarztet kleine und große Wehwehchen, und ist bemüht,  durch mangelhafte hygienische Zustände hervorgerufene Infektionen in den Griff zu bekommen.

Seit zwei Monaten arbeitet die 22-jährige Franziska im Buchener KLV-Lager; sie verbringt dort den Winter, in welchem die Schlacht von Stalingrad entschieden wird. Erst Mitte Februar wird sie für einige Tage nach Berlin zurückkehren, bis sie erneut versetzt werden wird, diesmal nach Prag.

Als unverheiratete Krankenschwester muss sie es sich gefallen lassen, von heute auf morgen irgendwohin geschickt zu werden, um dort nach ihren Möglichkeiten “Dienst am Vaterland” zu tun − so ist das eben im Krieg, sie nimmt das hin. Und obwohl es in der Buchener Schule kalt und unbequem ist, ist die Arbeit doch leichter als im Krankenhaus in Berlin, wo es im Spätsommer 1942 wiederholt zu Bombardierungen durch sowjetische Verbände gekommen war.
Nur etwas einsam fühlt sie sich hier; sie vermisst das Zusammensein mit anderen jungen Frauen, das gemeinsame Scherzen, Singen und Lachen mit den Kolleginnen im Schwesternheim.

Und Günter. Ihn hatte sie vor gut einem Jahr im Krankenhaus Westend kennengelernt, wo er als Patient gewesen war. Und sich in den zwei Jahre jüngeren technischen Zeichner verliebt. Seine Familie hatte sie mit offenen Armen aufgenommen, und besonders sein Vater, der sich immer eine Tochter gewünscht hatte, hatte einen Narren an ihr gefressen.

Und so ist es kein Wunder, dass er ihren Brief mit Weihnachts- und Neujahrswünschen an die Familie beantwortet und damit Franziskas Herz erwärmt in diesem Winter fern der Menschen, die sie liebt:

 

Sonntag d. 3.1.43

Liebes Fränzelein!

Gott grüße dich im neuen Jahr, mit diesem Gruß haben wir auch daß neue Jahr begonnen das wir am 1.1.43 erreichten. Du hast ganz recht gedacht über unsere Sylvester Feier, 2 x Rommy und dann ins Bett. Wir haben schön geschlafen bis ich auf mein „Klavier“ daß Gott grüße dich ertönen ließ. Für deinen letzen Brief im alten Jahr habe Dank, u. nun geht es auf ein Neues, denke, 365 ungewisse Tage, sie können Freud u. Leid bringen. Deine l. Mutter hat auch geschrieben, vieleicht hat dir Günter schon von all der Post geschrieben, Marianne, Karl, Eltern, Onkel Franz. Sie alle wünschen Euch beiden u. uns allen alles Gute u. Schöne, auch Großmutter u. Tante in Oegeln stimmen mit ein.

3 Tage habe ich jetzt Ruhe gehabt, war schön, morgen geht es aber für uns allen mit frischer Kraft los. Mama hat ger. Wäsche u. Du hast auch Deine Pflichten.

Heute ist es ungemütich draußen, der Schnee fällt den ganzen Tag bleiern u. schwer u. der Wind heult sein grausames Lied. Ich sitze vor den beiden Azalien sie blühen schön als wenn es gar nicht Winter wäre. Wir haben jetzt unseren Gullasch gegessen u. werden unseren Mittagsschlaf halten, Du bist ja nun in unseren häuslichen Arbeiten mit eingelebt u. unser Tun u. Laßen steht Dir vor Augen, am Abend denken wir an den 4 ten „Mann“ beim Rommé. Dienstag habe ich wieder Luftschutz aber diesmal bleibt mein Bett leer. Daß Du in 2 Wochen in Berlin sein willst ist ja mehr kühn, ich wünsche Dir zu diesem Glück viel Glück, man kann ja nicht wissen junge Menschen haben halt Glück.

Bis dahin sei nun herzlich gegrüßt von Mama u. Papa
die auf gesundes Wiedersehen hoffen.

(u. jetzt ein Stündchen am Ofen)

 

Anmerkung:
Rechtschreibung wie im Original

 

Als Lehrjahre noch Wanderjahre waren

Aus einer 1925 selbst verfassten “Familienchronik” (Rechtschreibung wie im Original):

“Josef S. geb. am 20. Febr. 1883.
An Ostern 1889 in die Volksschule zu Oberkirch bis 1897, 1896 erste hl. Komunion, 1898 in die Lehre zum Wagnermeister Fischer in Oberkirch, im März 1901 in die Fremde zunächst nach Karlsruhe, an Pfingsten 1901 auf Wanderschaft über Germersheim, Speier, Heidelberg nach Mannheim. Im März 1902 wieder auf Wanderschaft über Kniebis, Stuttgart, Geislingen, Ulm, Augsburg nach München, von hier nach Starnberg, Weilheim, Murnau, Garmisch. Tiroler Grenze, Walchensee, Kochelsee, Tegernsee, nach kurzer Arbeit nach Miesbach, Aibling, Rosenheim, Traunstein, Salzburg, von hier durch das Salzkammergut über Ischl nach Gmunden, Wels nach Linz. Nach kurzer Arbeit mit dem Floß auf der Donau nach Wien. Nach drei Wochen mittels Dampfer wieder nach Linz, von hier zu Fuß nach Passau und Straubing, hier gearbeitet bis März 1903, hier wurde ich ausgehoben zum 1. Jägerbataillon, ging zu Fuß nach München über Landshut, arbeitete dort bis zum Okt. und rückte am 26.11.1903 zum 1. Jägerbataillon nach Straubing ein.”

Die Wanderschaft für Gesellen ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwar nicht mehr zwingend vorgeschrieben, wird aber nach wie vor von vielen jungen Männern genutzt, um “die Welt” kennenzulernen.

Für den Bauernsohn Josef aus dem Badischen Oberkirch, jüngstes von sieben Kindern, ist die Wanderschaft nicht nur eine aufregende Sache, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit. Den väterlichen Hof übernimmt der 14 Jahre ältere Bruder, der selber gerade dabei ist, eine Familie zu gründen, die Geschwister verlassen die Badische Heimat, eine Schwester geht ins Kloster.

Josef zieht es ebenfalls hinaus “in die Fremde”, und seine Wanderschaft führt ihn letztendlich bis nach Wien, was für einen jungen Burschen aus einer Badischen Kleinstadt – Oberkirch hatte im Jahr 1900 ca. 3.200 Einwohner – einer halben Weltreise gleichgekommen sein muss.

Auf der folgenden Karte kann man Josefs Wanderungen nachvollziehen:

Die grünen Punkte markieren die Stationen seines ersten Wanderjahres 1901, die orangenen Punkte das Jahr 1902 und die gelben Punkte das Jahr 1903 (der rote Punkt markiert Oberkirch in Baden).
Rechts unten über das Plus-Zeichen kann man die Karte vergrößern. Beim Klick auf die einzelnen Punkte erscheinen weitere Informationen.
Hinweis: Die Buchstaben an den einzelnen Stationen bedeuten nichts, die sind eine Eigenheit der Google-Kartenfunktion…

Ungefähr zurückgelegte Kilometer:
1901: ca. 275 km
1902: ca. 1.350 km (inkl. ca. 410 km auf der Donau von Linz nach Wien und zurück)
1903: ca. 250 km (Straubing-München und zurück)
Gesamt: ca. 1.875 km

Nach Ableistung seines Militärdienstes wird Josef zunächst als Berufssoldat beim 1. Königlich Bayerischen Jägerbataillon in Straubing bleiben.
1906 werden die “Einserjäger” nach Freising verlegt, wo Josef seine zukünftige Frau kennenlernen und 1913 heiraten wird.
Mit Urkunde vom 16.12.1915 wird Josef die Staatsangehörigkeit im Königreich Bayern durch Aufnahme erhalten.
Josef bleibt bis zur Auflösung des Regiments 1920 begeisterter “Einserjäger” und erlangt den Rang eines Offiziersstellvertreters.

PS: Josef S. war mein Urgroßvater.

Mach’s gut, Hilde!

Sie werden kommen, die Stimmen: “Wie alt war sie denn? 95?! Na, das ist aber ein gesegnetes Alter!”

Darin schwingt mit: “Na, dann wird es aber doch mal Zeit! Was stellst Du Dich an? War doch zu erwarten, dass sie bald stirbt. Was soll’s. Hat doch lange genug gelebt. Viel schlimmer ist es doch, wenn junge Menschen sterben. Meine Tante zum Beispiel…”

Ich werde versuchen, diesen Stimmen nicht zuzuhören. Und ich werde dem Mann raten, dasselbe zu tun.

Denn es ist immer schlimm, wenn jemand stirbt, den man lieb gehabt hat. Egal, wie alt der war. Egal, ob damit zu rechnen war. Egal, ob derjenige sein Leben gelebt hat.

Schließlich hat jeder, der stirbt “sein” Leben gelebt. Wessen denn sonst?

Hilde hat ihres gelebt. Mit allen Höhen und Tiefen.

Mit ihren zwei jüngeren Geschwistern, der geliebten Schwester, mit der sie zeitlebens durch dick und dünn gegangen ist und auf die sie aufgepasst hat, damals im Krieg, und auch später. Und dem Bruder, der schon als Kind immer “in Schwierigkeiten” kam. Nichts Schlimmes, aber er hat eben oft Ärger bekommen. Weil er nicht den Mund gehalten hat. Weil er stur war. Seinen eigenen Kopf hatte.

Aber den hatte Hilde auch, ihren eigenen Kopf. Musste sie auch, als ältestes von drei Geschwistern und nach dem frühen Tod des Vaters, der ein Geschäft hatte, in Xanten, nach dem 1. Weltkrieg. Ein Kolonialwarenladen war es, und die kleine Hilde war fasziniert von all den Köstlichkeiten, mit denen ihre Familie ganz selbstverständlich zu tun hatte und die für andere Kinder märchenhaft erscheinen mussten.
Zeitlebens schwärmte sie von den frischen Früchten und von den besonderen (und teuren) Zigaretten, die der Vater rauchte, trotz seiner Lungenkrankheit.

Vorübergehend zu einer Tante nach Brühl verfrachtet, ziehen Hilde und die Schwester schließlich mit der Mutter nach Koblenz. Die Mädchen machen eine Lehre, und Hilde bekommt eine Stellung “im Amt” als Sekretärin. Das bringt Vorteile. Lebensmittelzuteilungen, Sonderrationen, später den Platz im Luftschutzkeller.

Dann der Krieg. Ausgebombt, umgesiedelt, später die Rückkehr ins zerstörte Koblenz, der Neuanfang. Und immer war sie diejenige, die gestohlen und gehandelt und getrickst hat, um die Mutter und Schwester durch die schwere Zeit zu bringen. Sie war nicht zimperlich, durfte es auch nicht sein. “Die wären ohne mich verhungert”, sollte sie später oft sagen, und vermutlich hat sie Recht damit.

Aber sie hat auch immer das Leben in vollen Zügen genossen. War vor dem Krieg jedes Wochenende tanzen mit ihrer Schwester, mit Freundinnen und Kolleginnen.
Auch nach dem Krieg ging sie gerne aus. Tanzen vor allem. Auch wenn kein Geld da war, sich Getränke zu kaufen und man mehrere Kilometer nach Hause laufen musste, weil kein Bus mehr fuhr.
Egal. Spaß haben! Das Leben genießen!

Und sie fiel auf. Klein und zierlich, dabei sprühend vor Lebenslust und mit einem frechen Mundwerk gesegnet, hatte sie keine Probleme, Tanzpartner und Verehrer zu finden.

Mit einem von ihnen, mit Rudi, war es besonders. Beim Tanzen hatte sie ihn kennengelernt, wo sonst. Sie mit ihrer Schwester und Rudi mit seinem Kumpel. Sie gefielen sich, Hilde und Rudi, und so gingen sie fortan zusammen aus, unternahmen Ausflüge auf Rudis Motorrad, den Rhein entlang und die Mosel.

Rudi hatte selbst eine schwere Zeit hinter sich. Er war in Kriegsgefangenschaft in Russland, und kam erst sehr spät zurück nach Deutschland. Aber in seine Heimatstadt Stettin konnte er nicht zurückkehren, stattdessen ging er zu seinen Eltern, die nach vielen Wirren in einem kleinen Ort an der Mosel gelandet waren, nicht weit von Koblenz.

So hatten sie sich also gefunden, zwei junge Leute, die den Krieg vergessen wollten, die das Leben genießen und vorwärtsschauen wollten.
Sie heirateten, die Tochter wurde geboren, und sie lebten in einer kleinen Wohnung, eher einem Zimmer, und waren glücklich.

Rudi arbeitete als Vertreter für Papierwaren. Schreibpapier, Einwickelpapier, die Brötchentüten beim Bäcker – er versorgte Geschäfte, Hotels und Betriebe mit allem, was sie brauchten.
Manchmal fuhr Hilde mit, manchmal musste sie ihn auch vertreten, wenn er krank war. Ausfallzeiten gab es nicht, dann hätte sich jemand anderes den Kunden geschnappt, denn die Konkurrenz war hart. Alle mussten sehen, wie sie Geld verdienen.

Aber Hilde hatte Geschäftssinn, das hatte sie ihm Krieg bewiesen. Und sie konnte auf Menschen zugehen, selbst wenn sie sich noch im hohen Alter über den “unverständlichen” Dialekt mancher Alteingesessener in Eifel oder Hunsrück mokierte.

Schließlich konnten sie in der Innenstadt von Koblenz ein kleines Schreibwarengeschäft übernehmen. Die Anzahlung für ein neu errichtetes Reihenendhaus in einem Koblenzer Vorort leisten und das Motorrad durch einen VW Käfer ersetzen. Es ging bergauf.

Als der Sohn geboren wird, ist Hilde bereits 40 Jahre alt, beinahe 41. Sie freuen sich über den Nachzügler, den “Stammhalter”, aber Hilde bekommt gesundheitliche Probleme und muss lange nach der Geburt im Krankenhaus bleiben.
So verbringt der Kleine sein erstes Lebensjahr bei Hildes Schwester und deren Familie. Noch sehr lange in seinem Leben werden Onkel und Tante wichtige Bezugspersonen des Jungen bleiben, und zeitlebens verbindet ihn eine enge Freundschaft mit Cousin und Cousine, ein “Nachzügler” wie er selbst.

Als Hilde aus dem Krankenhaus kommt, wird das neue Häuschen bezogen, kurz vor Weihnachten im Jahr 1960.

Genau 53 Jahre wird Hilde in diesem Haus verbringen, es ist ihr ganzer Stolz. Bis zuletzt ist sie stolz darauf “alles in Ordnung” zu halten, jeden Tag die Treppen hoch und runter, die Wäsche selbst zu machen und das Haus sauber zu halten. Nur für die schweren Arbeiten nimmt sie sich irgendwann eine Putzhilfe, für das Fensterputzen und Staubsaugen und Bettenbeziehen. Aber noch mit 94 geht sie jeden Tag durchs Haus und wischt Staub, wäscht ihre Wäsche und spült das Geschirr.

Rudi ist glücklich, er hat erreicht, was er wollte: eine Arbeit, eine Familie mit Sohn und Tochter, ein Haus mit Garten, ein Auto.
Hilde ist nicht ganz so zufrieden, ihr ist das Leben hier zu ruhig. Es ist “nichts los”, die Dörfler sind ihr zu “primitiv”, das Dasein als Hausfrau und Mutter ist ihr zu langweilig.

Dann wird Rudi krank. Krebs. Krankenhausaufenthalte, eine langwierige und schmerzhafte Behandlung, schließlich der Tod.

Hilde bleibt zurück, fast 50 Jahre alt, das Haus nicht abbezahlt, zwei Kinder.
Sie geht wieder arbeiten, die Tochter muss eine Lehre machen, bei der Bank, der Junge wird tagsüber von der Großmutter betreut, die in die Nähe gezogen ist.
Es ist eine harte Zeit für alle drei, aber Hilde beißt sich durch, wie sie es immer getan hat.

Sie wird hart dabei, ihr Dickkopf entwickelt sich zu einer teilweise unnachgiebigen Sturheit, sie wird rechthaberisch. Unbewältigte Trauer, Druck, Angst, Verzweiflung, Depression. Ihre Art, mit den Dingen fertig zu werden. Sie muss ja. Darunter leidet vor allem der Sohn, obwohl er die Zeit bei seiner Oma auch genießt. Aber er bleibt allein. Allein mit der Trauer um den Vater, allein mit den Bedürfnissen eines kleinen Jungen, für den jetzt niemand mehr Zeit oder Verständnis hat.

Hilde wird das später sehr bedauern, weiß, dass sie ihren Kindern, vor allem dem Jungen viel zugemutet hat. Aber zu dieser Zeit muss sie funktionieren und weiß doch selber nicht, wohin mit ihrer Trauer.

Aber die Arbeit im Büro gefällt ihr auch. Sie hat wieder Kontakt zu Menschen, kommt aus dem “Dorf” heraus, wird von ihrem Chef geschätzt. Es tut ihr gut, die Anerkennung für ihre Arbeit, die Wertschätzung als Mensch, als Frau.

Als sie den Mann kennenlernt, der lange in Argentinien gelebt hat, muss ihr das wie ein zweiter Frühling vorgekommen sein. Endlich wieder leben, Spaß haben, ausgehen, reisen! Und was für Reisen! Die Tochter des Mannes ist Reiseleiterin und so besuchen sie gemeinsam u.a. Spanien und Guatemala.

Aber das Glück ist getrübt. Der Sohn des Mannes ist depressiv und unternimmt mehrere Selbstmordversuche. Hilde und der Mann gehen immer öfter feiern, trinken viel, dann kommt es zu Streit und Auseinandersetzungen. Schließlich erkrankt der Mann an Krebs, stirbt. Und Hilde ist wieder allein.

Die Kinder sind aus dem Haus. Die Tochter hat geheiratet und ist weggezogen, der Sohn macht eine Lehre und geht schließlich nach Berlin, nachdem seine Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen nicht anerkannt wird. Zivildienst gibt es da noch nicht. Sein Verhältnis zur Mutter ist schlecht in dieser Zeit, zu viel ist geschehen, und sie werden Jahre brauchen, sich wieder anzunähern.

Hilde arbeitet bis zur Rente. Das Haus ist irgendwann abbezahlt, sie hat keine großen materiellen Bedürfnisse, alles Geld geht ins Haus, aber sie kommt mit ihrer Rente gut hin. Der Obst- und Gemüsegarten früherer Jahre weicht einem Ziergarten, sie hat sich eingelebt im “Dorf”, auch wenn es ihr manchmal zu ruhig ist. Auch verreisen tut sie noch gerne, besucht die Familie der Tochter im Taunus und später in Bayern, den Sohn in Berlin, verreist mit den Kindern und Enkeln nach Belgien, nach Frankreich, nach Italien.

Auch Busreisen unternimmt sie, und dabei lernt sie die letzte Liebe ihres Lebens kennen, einen Witwer aus einem Nachbarort von Koblenz. Er stammt aus dem Hunsrück und gemeinsam unternehmen sie viele Ausflüge in die Umgebung von Koblenz, in die Eifel, den Hunsrück, den Taunus, ins Rhein- und Moseltal.

Er liebt die Natur, sie möchte dorthin, wo “etwas los ist”, wo es “etwas zu sehen” gibt. Einsame Wälder, weite Felder sind ihr ein Gräuel. Wie langweilig!
Manchmal setzt er sich durch, und sie machen ein Picknick an irgendeinem schönen Fleckchen, meist “gewinnt” sie, und sie spazieren eine Rheinpromenade entlang oder essen in einem kleinen Hotel an der Mosel zu Mittag.

Er zieht zu ihr, womit seine Kinder zunächst ein Problem haben, aber das kümmert die beiden nicht, es ist schließlich ihr Leben.
Für ihn ist es ein Glück, denn Hilde kümmert sich gut um ihn, als er schließlich an Alzheimer erkrankt und immer mehr Pflege braucht.
Als er stirbt, schmerzen die gehässigen, neidischen Worte einer Nachbarin sie sehr: “Na, Sie haben ja einen Verschleiß an Männern…!” Keine Frage, dass sie das der Frau noch Jahre später nicht verzeiht.

Es wird einsam um Hilde. Die Schwester stirbt, der Schwager, eine ehemalige Kollegin und Freundin, dann der Bruder und zuletzt die Jugendfreundin, ebenfalls eine Hilde. Das ist der Fluch, wenn man so alt wird, dass alle vor einem sterben und man allein zurückbleibt.
Die Nachbarinnen sterben oder kommen ins Pflegeheim, junge Familien ziehen ein, mit denen stellt sich Hilde zwar gut, aber die leben ihr eigenes Leben.

Eine Frau, die 10 Jahre jünger ist als Hilde zieht von Trier hierher in die Nähe ihrer Tochter, mit ihr freundet sich Hilde etwas an. Sie treffen sich nachmittags bei Hilde, trinken “ein Piccolöchen” zusammen, schauen fern, tauschen Klatsch und Tratsch aus. Auch mit dem anderen Nachbarn, dem Feuerwehrmann und seiner Frau hält Hilde gern mal ein Schwätzchen. Sie haben ein Auge auf sie, kümmern sich um das Haus, wenn Hilde die Tochter besucht oder mit ihr und dem Schwiegersohn in Urlaub fährt.

Nach wie vor ist es Hilde zu langweilig im “Dorf”, sie wünscht sich, es wäre mehr “los” in ihrem Leben. Sie genießt es zwar, im Sommer in ihrem Garten zu sitzen, entweder hinten auf der Terrasse oder an ihrem Sitzplatz vor dem Haus, aber sie freut sich immer, wenn jemand mit ihr mit dem Auto in die Stadt fährt oder einen Ausflug unternimmt.
Und die Reisen mit der Tochter und dem Schwiegersohn! Nach Italien, nach Korsika, nach Kroatien, nach Österreich. In die Sonne, in den Süden, in schöne Hotels. Das ist ihre Welt. das Leben genießen!

Und sie genießt das Leben, auch wenn sie krank ist. Der hohe Blutdruck, Herzrhythmusstörungen, Schmerzen im Knie, im hohen Alter ein gebrochenes Handgelenk, der Nierenstein, die OP mit über 90 Jahren. Sie beißt sich durch. Schluckt ihre Unmengen von Tabletten, misst brav jeden Tag den Blutdruck, geht regelmäßig zum Arzt zum Quick-Test, benutzt einen Rollator als die Schmerzen beim Gehen immer schlimmer werden, schluckt Antibiotika, wenn der chronische Harnwegsinfekt wieder unerträglich wird, erträgt die Nebenwirkungen, wenn sich neue Mittel nicht mit ihren Herzmedikamenten vertragen, verzichtet schließlich sogar auf ihren geliebten Wacholder und die Sektchen, weil sich der Alkohol mit bestimmten Medikamenten nicht verträgt.

Aber sie jammert nicht, sondern macht das Beste daraus. Schleppt den Rollator zu allen Ausflügen mit, um wenigstens mal wieder ein paar Meter am Rhein entlang zu gehen. Fährt zur Nierenstein-OP nach Bayern als die Ärzte im Koblenzer Krankenhaus sie wegen ihres Alters nicht durchführen wollen. Entscheidet sich über Ostern noch zur Dialyse, die ihr zeitlebens ein Horror war, nachdem sie bei der Schwägerin beobachtet hatte, wie schlecht es einem damit gehen kann.

Sie ist ein Kämpfer. War sie immer. Musste sie ja sein. Hilft ja nichts. Aufgeben? Kommt nicht in Frage.

Noch Anfang des Jahres bescheinigt ihr ein Arzt, “im Prinzip” könne sie 100 Jahre alt werden. Sicher hat er ihr da eher geschmeichelt, denn ihr ging es schon sehr schlecht, aber ich glaube, das wäre sie gerne geworden. Hundert. Allein um sagen zu können “Kannst Du Dir das vorstellen? Hundert Jahre! Du lieber Gott, wer hätte das gedacht…!” Halb entsetzt, halb stolz hätte sie das gesagt. Aber der Stolz hätte bei weitem überwogen.
Und wer wollte es ihr verdenken? Man hat doch nur das eine Leben!

Und die, die denken, 95 Jahre seien genug, die haben doch keine Ahnung!

Mach’s gut Hilde, ich werde Dich sehr vermissen.

Hilde mit Rhododendron im Garten

Hilde im Mai 2013 in ihrem Garten | 23.12.1918 – 26.4.2014

 

Generationenwechsel

Kempten im Winter 1938/39

Das Bild zeigt meine Großeltern, Urgroßeltern und meinen Großonkel: Joseph (Sepp), Johann (Hannes), Wilhelmine (Minna), Josef und Wilhelmine (von links nach rechts).

Alle sehen fröhlich aus, besonders Hannes und der junge Sepp – vielleicht wurde das Bild an seinem 14. Geburtstag am 8. Januar 1939 aufgenommen.

Hannes hat allen Grund, fröhlich und stolz zu sein: Vor einem halben Jahr hat er seine geliebte Minna geheiratet, das erste Kind, ein Sohn, ist unterwegs und wird in wenigen Wochen zur Welt kommen, er versteht sich gut mit seinen Schwiegereltern, und er ist beruflich erfolgreich.

Hier trübt allerdings ein Wermutstropfen seine Freude: Er ist zwar Geschäftsführer zweier Warenhäuser in Kempten und Heilbronn, dies aber hauptsächlich deswegen, weil der Mann seiner Steifschwester ihm das Geschäft übertragen hat, bevor es enteignet werden konnte.

Der Mann, mit dem sich Hannes so gut verstand wie mit einem Bruder, ist Jude und hat Deutschland verlassen, um der Verfolgung durch die Nazis zu entgehen.

Josef hält “seine” beiden Frauen noch fest im Arm, aber es deutet sich bereits der Generationenwechsel an: beide Frauen sehen zum strahlenden Hannes hinüber, der wiederum den “Patriarchen” stolz und selbstbewusst anlacht.

Josef wird drei Jahre später im Alter von 59 Jahren an Krebs sterben, während Wilhelmine, 10 Jahre jünger als ihr Mann, noch weitere 40 Jahre lebt und mit fast 90 Jahren bei Minna und Hannes in Heilbronn sterben wird, wohin sie einige Monate vor ihrem Tod zieht.

Sepp, Minnas kleiner Bruder, ist ein fröhliches Kind, ein unternehmungslustiger Junge. Sein größter Wunsch ist es, Flieger zu werden.

Er wird ihn sich erfüllen, aber mit dem Leben bezahlen – am 14.1.1945 wird er beim Luftkampf um Berlin abgeschossen werden.

Hannes wird den Krieg überleben und mit Minna und ihren – dann – zwei Kindern nach Heilbronn ziehen. Sie werden ein Haus bauen, weitere drei Kinder bekommen und ein erfülltes Leben führen.

Hannes wird 1990 im Alter von 84 Jahren sterben, und Minna wird ihm zehn Jahre später nachfolgen.

Herkunft und Bedeutung des Familiennamens Kuckartz

Der Name Kuckartz ist wie seine Varianten Kuckertz, Kockartz und Kockertz abgeleitet vom frühneuzeitlichen Namen Kockart (auch Kochart, Kockardt, Kochardt), der in manchen Dokumenten um die niederrheinische Endung -s oder -z ergänzt wurde. Dieser Name wiederum geht auf den mittelniederländischen Namen Cockaert zurück, der im Mittelalter im flämischen Sprachraum nicht selten war. Der Name Cockaert wiederum soll vom altfranzösischen Cocart abstammen.

Das altfranzösische cocart (von coc = Hahn ergänzt um die Silbe (h)art = stark) bedeutet soviel wie eitel oder sich aufplustern. Mit dem Beinamen Cocart wurden Menschen belegt, die als Aufschneider, Prahlhans, Dummkopf oder Einfaltspinsel angesehen wurden. Im mittelalterlichen Niederländisch bezeichnet das Wort (und der Beiname) cockaert einen Narren oder Aufschneider.

Auf Neudeutsch könnte man den Namen also wohl wenig schmeichelhaft mit “Dummschwätzer”, “Angeber” oder “Großmaul” übersetzen…

Namensverbreitung

Die Kockarts waren ursprünglich ein stadtkölnisches, dann Aachener Geschlecht, die eine Gleve (Lilie) im Wappen führten. Das Kölner Haus zum Kockart gehörte zur Pfarre St. Severin.

Der älteste mir bekannte Namensträger ist Heinrich Kockart (gestorben nach 1318) aus Aachen. Seine Nachkommen lebten in Aachen und Burtscheid (heute ein Aachener Stadtteil). Sie waren Burtscheider Schöffen (ehrenamtliche Richter), besaßen im 15. und 16. Jahrhundert eine Mühle in Burtscheid und erwarben 1505  das Gut Reinarzkehle (heute Reinartzkehl) bei Aachen als Lehen der Propstei des Aachener Münsters.

Bereits im 15. Jahrhundert werden sie in Urkunden abwechselnd “Kockart”, “Kockartz”, “Kuckart” oder “Kuckartz” geschrieben.

Im 16. Jahrhundert tritt ein Familienzweig zum evangelisch-reformierten Glauben über und heiratet 1619 über Agnes Kockarts (gestorben 1673 Aachen) in die evangelische Kupfermeisterfamilie von Asten ein, die wie andere Aachener Kupfermeister jener Zeit nach Stolberg umsiedelten.

Im 18. Jahrhundert wandert ein anderer Zweig der Familie Kockartz in den belgischen Kanton Eupen ab und lässt sich u.a. in Eynatten, Hauset, Walhorn und Welkenraedt nieder.

Etwa ab dem 18. Jahrhundert behalten die einzelnen Familienzweige ihre jeweilige Namensschreibweise im Wesentlichen bei, also “Kockart”/ “Kockartz” auf der einen und “Kuckart”/ “Kuckartz” auf der anderen Seite.

“Kockartz” (bzw. “Kockart”) finden sich zu dieser Zeit vor allem in Aachen, Stolberg, Bardenberg (bei Würselen), Eynatten, Hauset, Walhorn, Welkenraedt und Vaals, “Kuckartz” (bzw. “Kuckertz”) in Aachen, Langerwehe, Bardenberg, Düren sowie im belgischen Montzen und im niederländischen Vaals.

Im 19. Jahrhundert ändert sich die Schreibweise der Familien nicht mehr, gleichzeitig findet im Zuge der Industrialisierung eine Verbreitung der einzelnen Familienzweige im gesamten Aachener Raum und im Herzogtum Limburg statt, so dass sich heute überall in der Region Namensträger der beiden Hauptlinien (Kockart/ Kockert, Kockarts/ Kockerts,  Kockartz/ Kockertz einerseits und Kuckart/Kuckert,  Kuckarts/ Kuckerts,  Kuckartz/ Kuckertz andererseits) finden.

Im 19. und 20. Jahrhundert gelangten Namensträger im Zuge von Migrationsbewegungen auch in andere Regionen Deutschlands sowie in die USA und nach Kanada.

Quellen: